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Porträt-Bild von Prof. Pollmächer und Textzitat: "Ich bin immer sehr gerne hierhergekommen".

Prof. Dr. Thomas Pollmächer

Interview zum Abschied mit Prof. Dr. Thomas Pollmächer

Prof. Dr. Thomas Pollmächer war mehr als 22 Jahre lang Chefarzt und Direktor des Zentrums für psychische Gesundheit am Klinikum Ingolstadt, welches zum 01.01.2026 von kbo (Kliniken des Bezirks Oberbayern) übernommen wurde. Nun verabschiedet sich Prof. Pollmächer in den Ruhestand. Im Gespräch blickt er auf mehr als zwei Jahrzehnte in Ingolstadt zurück und spricht über prägende Veränderungen, besondere Erlebnisse und seine Wünsche für die Zukunft.

Was hat Sie in den 22 Jahren, die Sie hier an der Klinik tätig waren, am meisten geprägt? Was waren die größten Veränderungen?

Eine der ersten großen Veränderungen war die Einführung der Fallpauschalen (DRGs) im Jahr 2004. Dadurch begannen die somatische Medizin und die Psychiatrie sich betriebswirtschaftlich deutlich auseinander zu entwickeln. Während in der somatischen Medizin kürzere Behandlungszeiten wirtschaftlich immer wichtiger wurden, ließ sich dieses Modell auf die Psychiatrie nicht übertragen, da psychische Erkrankungen sehr individuelle Behandlungsdauern erfordern. Es war sehr schwierig zu verhindern, dass diese Fallpauschalen auch in der Psychiatrie eingeführt wurden. Es ist aber in einer bundesweiten konzertierten Aktion gelungen, in der Ingolstadt eine wichtige Rolle gespielt hat.

Die nächste wesentliche Veränderung war 2010 die Gründung des Zentrums für psychische Gesundheit (ZPG) mit zwei eigenständigen Kliniken und mir als Direktor. Die Klinik ist zuvor stetig gewachsen und als die Zahl der Betten und Patienten 300 überschritten hatte, musste die Organisationsstruktur angepasst werden. Bis dahin war ich alleiniger Chefarzt der gesamten Klinik. Mit der Gründung des ZPGs kam dann Prof. Schuld als Chefarzt dazu, der vorher schon als leitender Oberarzt tätig war.

Ein Umbruch war zudem nach jahrzehntelanger Kontinuität die unerwartete Ablösung der Geschäftsführung des Hauses im Jahr 2016. In dieser Zeit übernahm ich kommissarisch die Funktion des Ärztlichen Direktors für das gesamte Klinikum und war damit auch für die Somatik verantwortlich. Das war für mich eine interessante Zeit und prägend, weil ich da noch viel mehr über die Verknüpfung von Somatik und Psychiatrie erfahren habe.

In den letzten Jahren sind außerdem zunehmend Veränderungen der Behandlungskonzepte in den Vordergrund getreten. Wir versuchen mehr von der stationären hin zu einer tagesklinischen, ambulanten oder aufsuchenden Behandlung zu kommen. Mit der Einrichtung von zwei weiteren Tageskliniken und der stationsäquivalenten Behandlung (StäB) wurden bereits wichtige Schritte in diese Richtung umgesetzt. Dennoch wird die weitere Entwicklung noch eine wichtige Aufgabe für meinen Nachfolger sein.
 

Psychiatrie ist ein medizinisches Fach wie jedes andere.

Können Sie sich denn noch an Ihren ersten Arbeitstag hier erinnern?

An meinen ersten Arbeitstag nicht im Detail. Ich weiß aber noch, dass mir der damalige Geschäftsführer Heribert Fastenmeier ein kleines Geschenk gemacht hat – einen Sigmund-Freud-Hampelmann, der noch heute am Schloss eines Aktenschrankes in meinem Büro baumelt. Er wusste offenbar, dass Freud ein berühmter Psychiater war. Was er nicht wusste, ist, dass ich nun wirklich kein Freund der von Freud erfundenen Psychoanalyse bin.

Ein weiteres Erlebnis aus meiner Anfangszeit ist mir allerdings sehr deutlich in Erinnerung geblieben. Bei uns werden bis heute in einer Morgenkonferenz die neu aufgenommenen Patienten besprochen. Kurz nachdem ich angefangen hatte, war Ostern. Am Tag nach Ostermontag standen auf dieser Aufnahmeliste rund 60 neue Patienten. Ich kam aus einer sehr kleinen Klinik, aus dem Max-Planck-Institut in München – dort entsprach diese Zahl ungefähr den Aufnahmen von zwei Monaten. Das hat mir das erste Mal die Größe meiner Aufgabe vor Augen geführt – die Organisation der gesamten psychiatrischen Versorgung für eine große Region mit einer halben Million Einwohner.

War das auch der Grund, warum Sie nach Ingolstadt gekommen sind – weil die Klinik hier deutlich größer ist?

Ich hatte ja die Wahl zwischen der Leitung einer Universitätsklinik in Bochum und der Chefarztstelle in Ingolstadt. Die Größe der Klinik hat für mich dabei eine untergeordnete Rolle gespielt. Ausschlaggebend war vielmehr die enge Zusammenarbeit von Psychiatrie und Somatik. Ich war immer der Ansicht – und bin es bis heute –, dass Psychiatrie ein medizinisches Fach wie jedes andere ist. Es ist nicht vernünftig, psychische und körperliche Erkrankungen grundsätzlich getrennt zu betrachten. Jede Krankheit hat eine psychische und eine körperliche Komponente. Die Gewichtung ist unterschiedlich, aber da so einen strengen Strich zu ziehen, dass hielt ich noch nie für sinnvoll. Die enge Kooperation von Psychiatrie und Somatik war also einer der Entscheidungsgründe, ein anderer war, dass meine Familie und ich sehr gerne in Bayern geblieben sind.

Wie sehen Sie es dann, dass das Zentrum für psychische Gesundheit von kbo übernommen worden und damit eine organisatorische Trennung eingetreten ist?

Die Trennung ist unter der Maßgabe erfolgt, dass die Zusammenarbeit mit der Somatik trotzdem so weitergehen soll wie bisher. Das gemeinsame Ziel ist, dass sich an der Qualität der gemeinsamen Versorgung der Patienten nichts ändert. Den guten Willen dazu haben beide Kliniken. Dennoch zeigt sich, dass allein die betriebswirtschaftliche Trennung manches komplizierter macht. Nach dem ersten halben Jahr gibt es noch einige Herausforderungen, aber ich bin zuversichtlich, dass sich die Abläufe mit der Zeit gut einspielen werden.

Haben Sie denn einen Rat für Ihren Nachfolger?

Meinem Nachfolger kann ich nur raten, dass man nicht auf alte Leute hören, sondern seine eigenen Ideen und Pläne entwickeln soll.

Sie haben im Laufe Ihrer Karriere zahlreiche Ehrenämter übernommen, unter anderem als Präsident der DGPPN*. Was hat Sie dazu motiviert?

Mir war es immer wichtig, nicht nur die eigene Klinik weiterzuentwickeln, sondern auch die Psychiatrie insgesamt mitzugestalten. Dabei wird die Arbeit vor Ort schließlich auch stark davon beeinflusst, wie psychische Erkrankungen insgesamt gesellschaftlich wahrgenommen werden und wie sich das Fach weiterentwickelt. Wenn die Gesellschaft, wie wir das jetzt im Moment beobachten, wieder eher skeptisch auf Menschen mit psychischen Erkrankungen blickt und solche Krankheiten negativ sieht, dann wird die Arbeit im Krankenhaus auch schwieriger. Deswegen war es mir immer ein großes Bedürfnis mich auf unterschiedlichen Ebenen zu engagieren – das fängt an mit der Gründung des Ingolstädter Bündnis gegen Depression bis hin zur DGPPN, in der ich auch Präsident war, und der Bundesdirektorenkonferenz (das ist der Berufsverband der psychiatrischen Chefärzte), in der ich Vorsitzender war. Dabei war mir besonders wichtig, dass klinische Psychiater diese Entwicklungen mitprägen. Gleichzeitig konnten wir in Ingolstadt von den Erfahrungen und Impulsen aus diesen Netzwerken profitieren und in vielen Bereichen früh neue Entwicklungen aufgreifen.

* Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V.

Auf welche beruflichen Erfolge blicken Sie besonders stolz zurück?

Was ich rückblickend für besonders gelungen halte, ist wie in unserer Klinik die multiprofessionelle Zusammenarbeit gepflegt und durchgehend aufrechterhalten wurde. Das kollegiale Miteinander von Pflege, Psychologen, Ärzten und weiteren Berufsgruppen war schon bei meinem Start eine Stärke des Hauses und konnte über die Jahre hinweg weiter gefestigt werden. Das ist keineswegs selbstverständlich und war mir immer ein besonderes Anliegen.

Inhaltlich freut es mich vor allem, dass wir die Behandlung schwer psychisch erkrankter Menschen immer in den Vordergrund gestellt und weiterentwickelt haben. Dazu gehören unter anderem Konzepte zur Vermeidung von Zwangsmaßnahmen, die Einführung von Safewards auf den Stationen, sowie der Aufbau einer klinischen Ethikberatung.
 

Das kollegiale Miteinander von Pflege, Psychologen, Ärzten und weiteren Berufsgruppen war schon bei meinem Start eine Stärke des Hauses und konnte über die Jahre hinweg weiter gefestigt werden.

Sie waren auch selbst Mitglied in der Ethikkommission, oder?

Ja, ich habe für das gesamte Klinikum die Ethikkommission und die Ethikberatung vor über 15 Jahren gegründet. Es war schön, dass auch dies in Kooperation mit der Somatik funktioniert hat und nicht als rein psychiatrische Angelegenheit verstanden wurde.

Was hat Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten Freude bereitet – und was eher weniger?

Am meisten Freude bereitet hat mir, dass ich immer sowohl direkt in Kontakt zu Patienten war und gleichzeitig in meiner Leitungsfunktionen strategisch gestalten konnte. Diese Kombination fand ich immer sehr reizvoll, denn leitende Funktionen sind wichtig, aber da fehlt oft das unmittelbare Erfolgserlebnis. Wenn man zusätzlich mit Patienten umgeht, hat man hingegen am Ende jeden Tages das Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben.

Weniger Freude bereitet hat mir in den letzten Jahren die zunehmende Bürokratisierung des Krankenhauses, die einfach immer mehr Zeit in Anspruch genommen hat. Es sind dadurch weniger Ressourcen vorhanden, um sich so um die Patienten und deren Behandlung zu kümmern, wie man es gerne würde. Und das betrifft ja leider nicht nur mich als Chefarzt, sondern fast alle Mitarbeiter.

Worauf freuen Sie sich im Ruhestand am meisten?

Ehrlich gesagt, freue ich mich am meisten darüber, dass ich viele Dinge, die ich bisher schon mache, mit etwas größerer Ruhe und weniger zeitlichen Druck machen kann. Ich habe meine Zeitpläne und Aktivitäten immer stark optimiert, um Termine außerhalb wahrnehmen zu können und dennoch vor Ort in der Klinik so präsent wie möglich zu sein. Das geht, aber ist anstrengend und in Zukunft freue ich mich darauf, dass ich mit etwas mehr Ruhe und Gelassenheit tätig sein kann. Ich werde nicht von 100 auf 0 zurückfallen. Das wäre wahrscheinlich die ersten zwei Wochen schön, aber auf Dauer nicht gesund und erfüllend. Ich freue mich darauf, nicht nur an der psychiatrischen Klinik der LMU in München, sondern auch am Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin forschend und lehrend tätig sein zu dürfen.

Was werden Sie am meisten vermissen?

Was ich am meisten vermissen werde, ist einerseits der Kontakt zu den Patienten. Es sind einige, die ich über viele Jahre ambulant und wenn nötig stationär behandelt habe, manche seit 2004, also von Beginn an. Außerdem werde ich den angenehmen Kontakt mit meinen Mitarbeitern vermissen. Ich bin immer sehr gerne hierhergekommen. Die Zusammenarbeit war sowohl zielgerichtet und effektiv als auch angenehm, freundlich und fröhlich.
 

Der Wechsel und die Berentung eines Direktors sind als Aufbruchsignal zu verstehen.

Gibt es eine Botschaft, die Sie abschließend Ihren Kolleginnen und Kollegen mit auf den Weg geben möchten?

Mein wichtigster Wunsch ist, dass die Menschen, die hier arbeiten, einen neuen gemeinsamen Weg finden. Die vergangenen 22 Jahre waren erfolgreich, aber das ist kein Anlass dafür, alles so zu lassen, wie es ist. Der Wechsel und die Berentung eines Direktors sind als Aufbruchsignal zu verstehen. Manches, was wir bisher für ideal gehalten haben, wird von neuen Kolleginnen und Kollegen vielleicht anders bewertet – und das ist gut so. Nichts wäre mir unangenehmer, als wenn Rücksicht auf das genommen wird, was ich einmal gesagt oder entschieden habe. Wenn etwas besser gemacht werden kann, dann sollte man es auch besser machen.

Vielen Dank für das Gespräch und für die Einblicke. Alles Gute für Sie!